Flüssiger Displayschutz von HIPROTEC, funktioniert das?

Es passiert nicht oft, dass ich Überraschungen in meiner Post finde. Allerdings war dies so ein Fall, denn HIPROTEC bzw. die Firma hinter HIPROTEC hat mir ohne vorheriges Kontaktieren einfach zwei Pakete ihres flüssigen Displayschutzes zugeschickt.

Ich weiß auch ziemlich genau warum, denn hätten sie mich zuvor versucht zu kontaktieren, hätte ich abgesagt oder nicht reagiert.

Warum? Ganz ehrlich ich halte flüssige Displayschützer für einen Placebo. Ich hatte hier damals meine Erfahrungen mit ProtectPax gemacht und das hatte mir gereicht. Zum einen konnte ich keinen Effekt von ProtectPax nachweisen, es war problemlos möglich das Display weiterhin zu zerkratzen,  zum anderen hatte ProtectPax versucht mein neutrales Video von Youtube löschen zu lassen. Youtube sah dies allerdings anders und das Video ist noch heute online.

Daher habe ich mich entschieden von diesen Wundermitteln Abstand zu halten.

Wenn aber HIPROTEC bzw. Kaydee international GmbH aber so unbedingt möchte, dass ich mir ihr Produkt ansehe, dann wollen wir das doch tun!

 

Was macht HIPROTEC „besonders“?

HIPROTEC hat es mit ihrem Produkt geschafft mich sehr neugierig zu machen, trotz meiner vorgefertigten Meinung zu flüssigen Displayschützern.

Wie das?

  • Mit in dem Paket das ich von HIPROTEC erhalten habe, lag ein „Testbericht“ des Fraunhofer ISC, welches eine gesteigerte Härte des Display Glases bestätigt.
  • Auf dem Paket von HIPROTEC wird mit einer Glashärte von 9,9 auf der Mohs Härte Skala geworben.
  • Es gibt eine Garantie auf Glasbrauch wenn Ihr HIPROTEC genutzt habt
  • Im Anschreiben wird gezielt damit geworben, dass es sich um ein anderes Produkt handelt als ProtectPax.

Gerade Letzteres ist sehr interessant. ProtectPax zumindest in Version 1.0 war vermutlich keine Eigenentwicklung, genau wie die meisten flüssigen Displayschützer auf dem Markt!

Ihr bekommt auf asiatischen Großhandelsplattformen einen verdächtig ähnlichen Displayschutz wie es ProtectPax 1.0 war für 0,78€ pro Paket.

HIPROTEC scheint auf den ersten Blick wirklich etwas Besonderes zu sein. Zumindest konnte ich bei den diversen China Großhändlern kein auffällig ähnliches Produkt finden.

 

Wie hart ist Glas?

Starten wir mit einer wichtigen Frage, wie hart ist Glas? Die meisten würden jetzt sagen sehr empfindlich, dies ist aber nicht richtig.

Glas bietet von Natur aus bereits eine sehr hohe Härte. So ist Glas härter als Eisen, Aluminium oder Stahl! Ihr könnt mit einem normalen Messer nicht Euer Smartphone Display zerkratzen (überprüfen auf eigene Gefahr). Falls Ihr mir nicht glaubt, schicke ich Euch einfach mal zu diesem Video. https://www.youtube.com/watch?v=oT6VL4x-rHY#t=1m40s hier kann man sehr schön sehen, dass ein Teppichmesser 0 schaden an einem Smartphone Display verursacht.

Was zerkratzt dann ein Smartphone? Quarze!

In der Regel in der Form von Sand oder Steinpartikeln, welche durch Autos aufgewirbelt werden und in Eurer Tasche landen und am Display reiben.

Glas hat auf der Mohshärte Skala eine 5,5-6, Stein 7+. Hier findet Ihr die komplette Skala. Zum Vergleich Eisen hat nur eine 3,5 und Diamanten eine 10.

HIPROTEC wirbt nun damit, dass man eine 9,9 erreicht. Sollte dies stimmen wäre das eine Sensation!

 

Wie soll HIPROTEC funktionieren?

Wie soll nun HIPROTEC funktionieren? Leider hält sich HIPROTEC hier wie die meisten Hersteller dieser Produkte recht bedeckt. Das Einzige was ich finden konnte ist: „Bei HIPROTEC dringt das Diamantgel bis zu 80nm in die Tiefe des Glases und macht das Glas 7x härter als unbehandelt“.

Ein Diamantgel das bis zu 80nm in die Tiefe des Glases eindringt?! Klingt etwas merkwürdig und sehr nach Marketing.

Es scheint sich hier praktisch weniger um Diamanten zu handeln, sondern mehr um eine Polysilazan-Beschichtung oder eventuell auch Aluminiumoxid (dies nutzen zumindest einige Konkurrenzprodukte).

Polysilazane würden wirklich eine Verbindung mit dem Glas herstellen und dieses potenziell härten und vor allem Hydrophobierung herstellen.

Aber ob damit wirklich das Glas so hart zu bekommen ist wie beworben, steht auf einem anderen Blatt.

 

Funktioniert HIPROTEC?

Kommen wir zum eigentlichen Test. Für diesen habe ich ein altes Smartphone geopfert, das Wiko Jerry.

Das Smartphone wurde von mir mit Klebeband in zwei Hälften unterteilt, die obere Hälfte wurde behandelt, die untere nicht.

Die Behandlung habe ich genau nach Anleitung durchgeführt, inklusive 72 Stunden Aushärtung!

Der erste Eindruck fällt leicht positiv aus. Das Display zeigt weniger schnell Fingerabdrücke und man sieht beim Wasserkontakt ganz klar ein stärkeres Abperlen. Also ja HIPROTEC hat das Display erfolgreich versiegelt!

Wie steht es um die Härte? Ein Messer zerkratzt weder die Unbehandelte noch die behandelte Fläche. Eisen ist auch weniger Hart als Glas, keine Überraschung soweit.

Der wirkliche Test ist ein ganz gewöhnlicher Stein aus meinem Garten. Sollte das Display des Wiko Jerry nach der Behandlung keine Kratzer durch den Stein erhalten hat HIPROTEC gewonnen!

Der Stein hat eine Härte von ca. 7 auf Mohs Skala, Glas 5,5 und HIPROTEC angeblich eine 9,9.

Und? Ja der Stein kann das behandelte Display mit Leichtigkeit zerkratzen.

Ich bin natürlich kein Wissenschaftler und habe keine „Professionellen“ Testgeräte, aber ich halte die 9,9 Härte, welche beworben wird, für falsch zumindest in der Praxis.

Auch ein befreundeter Chemie Student hat Zweifel ausgesprochen, dass es möglich wäre Glas auf eine Härte von 9,9 zu bringen.

Wie kommt nun HIPROTEC auf diese 9,9? Laut dem beigelegten Bericht des Fraunhofer ISC erreicht HIPROTEC einen Vickershärte von HV2744, was laut dieser Tabelle http://www.realgems.org/mohs_de.html 9,x entsprechen würde.

Ich kann hier nur annehmen, dass die sehr hohe Vickershärte einfach nicht so praktisch zu übernehmen ist. Anders kann ich mir den Stein Test nicht erklären.

Ja ich glaube dass HIPROTEC das Displayglas härter macht. Man merkt, dass der Stein ein Stück weit leichter über das behandelte Glas gleitet ohne Schäden zu verursachen. Aber sobald aber etwas Druck hinzukommt entstanden in meinem Test Schäden.

Von daher erwarte ich eine gewisse Schutzwirkung, aber, dass Euer Glas unzerstörbar ist, halte ich für unmöglich. Andernfalls gäbe es irgendeinen Smartphone Hersteller oder Hersteller von Fensterscheiben, Autoscheiben die so ein unzerstörbares „9,9 Härte“ Glas auf den Markt gebracht hätten.

Ein Stein und somit vermutlich auch ein Sandkorn kann weiterhin einen Kratzer verursachen und ein Sturz auf einen Stein Boden wird auch mit HIPROTEC vermutlich auch oft unschön enden.

 

Garantie auf Glasbruch?

So verrückt es klingt aber HIPROTEC gibt Euch eine Garantie gegen Glasbruch. Ihr müsst Euch beim Hersteller registrieren und sollte das Display Eures Smartphones brechen, wird dieses von HIPROTEC repariert oder Ihr erhaltet einen 100€ Gutschrift.

Auf der Webseite und den Garantiebedingungen steht, dass das Display repariert wird, in meinem Anschreiben ist von 100€ die Sprache.

Ich nehme mal stark an, sollte die Reparatur bei einem iPhone Xs oder Ähnlichem mehr als 100€ kosten, erhaltet Ihr 100€, ansonsten wird eine Reparatur durchgeführt.

Dies ist etwas sehr Interessantes und verdammt Mutiges! Selbst wenn HIPROTEC keine Schutzwirkung oder nur eine geringe bieten sollte, wäre es fast schon interessant das Produkt nur deshalb zu kaufen.

 

Fazit, taugt HIPROTEC etwas?

Tja das abschließende Urteil fällt schwer. Wenn Euch ein Hersteller ein Diamantgel verspricht das einen Schutz vor Bruch, Kratzern und Mikrokratzern bietet und dabei die Härte Eures Smartphone Displays von 6,x auf 9,9 erhöht (Diamanten erreichen eine 10), was würdet Ihr aus dem Bauch heraus sagen?

Ja dies ist ein sehr mutiges Versprechen, ebenso wie die Garantie gegen Glasbruch. Gäbe es so ein Wundergel würden dann nicht Smartphone Hersteller dieses nutzen und bis zu geht nicht mehr bewerben, auf diesem hart umkämpften Markt?

In meinem Test konnte ich die beworbene Härte von 9,9 nicht bestätigen! Ein Stein konnte problemlos das Display weiterhin zerkratzen und ein Stein hat eine Härte von +-7.

Ich will allerdings HIPROTEC auch keine Schutzwirkung absprechen. Man merkt, dass das Display glatter und abweisender gegenüber Fingerabdrücken und Wasser wird. Auch glitt der Stein leichter über das behandelte Display und es war minimal mehr Kraft nötig, um Kratzer hervorzurufen.

HIPROTEC tut also durchaus etwas. Knallt Euch aber Euer Smartphone mit Wucht auf einen Betoboden wird HIPROTEC nichts machen können. Ähnliches gilt bei Reibung an einem Stein oder Sand.

Ich würde wenn möglich ein Displayschutzglas oder Folie bevorzugen. Diese kann man bei Kratzern einfach abziehen, HIPROTEC nicht.

Allerdings in einer Welt wo immer mehr Smartphones gebogene oder sehr stark abgerundete Displays haben, wo ein klassischer Displayschutz nicht möglich ist, ist HIPROTEC vielleicht ein gewisser Schutz. Aktuell würde ich HIPROTEC besser als gar nichts einstufen und im Notfall kann man immerhin Anspruch auf die Garantie auf Glasbruch nehmen.

Michael Barton

Vielen Dank fürs Lesen! Sollte mein Bericht euch geholfen haben würde ich mich über einen erneuten Besuch meiner Webseite und/oder dem Folgen meines Twitter freuen! Vielen Dank!

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