ProtectPax flüssiger Displayschutz im Test, zu schön, um wahr zu sein?

ProtectPax hat in letzter Zeit etwas Aufmerksamkeit erhalten durch einen Auftritt bei der Vox Show die Höhle der Löwen. Hier konnte ProtectPax gleich mehrere Investoren überzeugen.

Aber was ist ProtectPax? ProtectPax ist ein flüssiger Displayschutz, welcher mit Aussagen wie „100% bruch- und kratzsicher“ wie auch „bis zu 600% härter“ wirbt.

Klingt doch gut, vielleicht aber zu gut! Schauen wir uns einmal im Test an was ProtectPax so taugt.

 

Was ist ProtectPax?

ProtectPax ist eine Flüssigkeit, die Ihr auf Euer Smartphone auftragt und das Display härter machen soll. Das Ganze soll über Nano Partikel funktionieren, welche das Smartphone Display versiegeln und dieses daher härter machen. ProtectPax setzt hier auf Titanoxid, ein in der Tat recht hartes Material.

Anstelle also einer Schicht auf das Display aufzutragen werden nur die winzig kleinen Unebenheiten, welche sich in jeder Oberfläche befinden, aufgefüllt. Dies soll der Oberfläche eine erhöhte Stabilität geben.

Klingt ja durchaus in einem gewissen Rahmen plausibel. Wie sieht ProtectPax in der Praxis aus?

ProtectPax wird in einer kleinen Ampulle geliefert, zusätzlich legt der Hersteller insgesamt drei unterschiedliche Reinigungstücher bei.

Der Inhalt einer Ampulle reicht anscheinend locker für mehrere Geräte aus, Ihr solltet diese nur im Optimalfall schnell nacheinander bearbeiten.

Das Auftragen geht recht schnell und problemlos. Einfach auf das Smartphone Display auftragen, verteilen, 10 Minuten Warten, glatt Polieren und fertig.

Nach einigen Stunden soll dann die volle Härte erreicht werden.

 

Funktioniert ProtectPax?

Die wichtigste Frage ist natürlich, funktioniert ProtectPax wirklich? Beginnen wir damit, was nicht funktioniert, der Hammer Test.

Es wurde bei der Höhle der Löwen wie auch in vielen Werbemaßnahmen immer wieder gerne der Hammer Test vorgeführt. Hierbei schlängt eine Testperson mit einem Hammer auf das Smartphone Display und dank ProtectPax bleibt das Display heil. WOW!

Dieser Test ist meiner Meinung nach etwas problematisch! Ich habe dies nicht selbst getestet, das sei dazu gesagt. Allerdings kann man auch so diesen Test hinterfragen. Wie soll ProtectPax das Display vor einem Hammerschlag schützen?

ProtectPax schreibt hier folgendes „Diese Nanopartikel glätten die Oberfläche des Displays, denn Nanopartikel ordnen sich immer in einem sogenannten Kristallgitter an. Dieses Gitter sorgt dafür, dass das Display angespannt bleibt und damit eine höhere Stabilität bietet, da die Moleküle die schützende Schicht stärker zusammenhalten.“

In der Theorie mag dies durchaus Sinn ergebenen aber Euer Display Material bleibt nun mal Glas. ProtectPax kann keinen magischen Puffer hinzufügen, welcher die Aufprall Energie bei einem Sturz auffängt.

Zumal ich mir nur bedingt sicher bin ob ich überhaupt mein Display härter machen will bei einem Sturz. Umso härter ein Material ist umso weniger flexibel ist dieses umso spröder und brüchiger ist es (daher hat beispielsweise eine Nintendo Switch oder ein Motorola Moto X Force ein Plastik Display).

Aber selbst wenn ProtectPax hier hilft, in der Praxis spielt das kaum eine Rolle! Warum brechen Smartphone Displays bei einem Sturz? 1. Weil sie mit der Kante zuerst auftreffen, und daher viel Kraft auf eine kleine Ecke auftrifft 2. Weil das Display auf einen unebenen Boden fällt und unter dem Display beispielsweise ein Stein liegt, welcher punktuell Druck auf das Glas ausübt.

Von daher kann ich mir nicht vorstellen das ProtectPax bei einem Sturz hilft!

Aber wie sieht es bei Kratzern aus?

Hierfür habe ich ein altes, kaputtes, Smartphone wie auch ein Displayschutzglas mit ProtectPax behandelt, jeweils eine Hälfte. Warum ein Displayschutzglas und kein zweites echtes Smartphone? Ich bin kein reicher Youtuber und will kein gutes Smartphone opfern, aber ein Echt- Glas Displayschutz sollte schon für einen Test reichen.

Nach der Behandlung war ich etwas überrascht. Man spürt wirklich einen Unterschied! Die behandelte Fläche ist merklich glatter. Grundsätzlich ist dies ein positives Zeichen, hat allerdings auch den Nachteil, dass Fingerabdrücke auf dieser Fläche etwas besser sichtbar sind.

Das bedeutet schon einmal ProtectPax macht irgendetwas und ja mein Messer konnte wirklich keine Kratzer auf dem Smartphone hinterlassen! Selbst mein Schraubenzieher konnte keine Schäden verursachen.

Das Problem, das konnten diese auch schon vorher nicht. Hierfür ein kleines Video.

Messer, Schlüssel, Münzen usw. können in der Regel ein Smartphone Display nicht beschädigen! Egal ob mit ProtectPax oder ohne. Eisen hat auf der Mohshärte Skala einen Wert von 3,5, Aluminium von 2,5 und Stahl von 4,5. Glas hat eine Härte von 5,5 – 7!

http://www.biologie-schule.de/mohshaerte.php

Umso höher der Wert ist umso härter ist ein Objekt! Ein Objekt mit einer niedrigeren Härte kann ein Objekt mit einer höheren Härte nicht zerkratzen. Natürlich wenn Ihr mit einem Messer auf Euer Smartphone einstecht, könnten Schäden durch die schiere Gewalt entstehen.

Aber sofern Euer Smartphone ein Glas Display besitzt und der Hersteller hier nicht auf ein ungehärtetes Glas gesetzt hat, kann ein Metallgegenstand eigentlich keine Schäden verursachen.

Wenn doch Smartphone Displays so hart sind, wieso zerkratzen sie dann? Nicht aufgrund von Schlüsseln. Sand und Steine sind der Feind! Mit einem Kieselstein, der eine scharfe Kante hat, könnt Ihr jedes Smartphone Display zerkratzen (außer dieses hat ein Saphirglas Display).

Auch feiner Sand in Eurer Tasche oder auf Oberflächen auf welche Ihr dann Euer Smartphone legt kann zu Kratzern führen.

Kann denn ProtectPax mein Display vor solchen Schäden schützen? Nein, es war mir mit einem Stein problemlos möglich die bandelte und auch unbehandelte Fläche völlig zu zerkratzen! In diesem Video gibt sogar jemand von ProtecPax zu das Steine ein “sehr Hartes Material sind” (ansonsten ein sehr Fragwürdiges Video, es wurde keine Schutzwirkung in deren Tests entdeckt, aber im Fazit behauptet Galileo es gäbe eine).

Die obere hälfte wurde mit ProtectPax bearbeitet

Taugt ProtectPax also nichts? Keinerlei Schutzwirkung?

Wenn man genau hinsieht, erkennt man vielleicht, ich weiß nicht wie gut das auf den Bildern rüber kommt, dass auf der mit ProtectPax behandelten, hälfte zwar jede Menge Kratzer durch den Stein entstanden sind, aber etwas weniger als auf der nicht behandelten Fläche.

Ich würde hier also ProtectPax durchaus den Punkt geben, dass das Display des 80€ Wiko Smartphones vielleicht etwas härter und widerstandsfähiger geworden ist. Aber nicht hart genug für den Stein und das Messer hat schon vorher keine Schäden hinterlassen.

Dies kann natürlich am Displayglas des Wiko Sunny liegen. Dies ist ein absolutes billig Smartphone und hat daher weder Gorilla Glas noch etwas vergleichbares.

Es ist also durchaus auch möglich, dass ein Smartphone mit Gorilla Glas oder einem anderen High End Schutzglas auch ohne ProtectPax eine höhere Resistenz dem Stein gegenüber gezeigt hätte. Dennoch eine leichte Schutzwirkung war zu erkennen, wenn auch diese letztendlich sehr gering und praktisch kaum nützlich war.

Das tolle an einem normalen Displayschutz, egal ob echt Glas oder Plastik, ist nun mal das man diesen abziehen kann. Sollte man einen Kratzer im Display haben tauscht man die Folie aus und alles ist gut, was machen bei einem ProtectPax behandeltem Display? Wenn hier ein Kratzer im Glas ist, habt Ihr Pech gehabt!

Ein Anwendungsbereich wo ich allerdings Vorteile durch die Nutzung von ProtectPax erkenne ist auf bereits leicht zerkratzen Smartphones. Leichte Kratzer werden anscheinend von dem Mittel aufgefüllt und sind daher weniger gut sichtbar!

 

Auf Alibaba kann man flüssigen Displayschutz im großen Mengen kaufen. Nehmt Ihr gleich 100.000 Pakete ab zahlt Ihr pro flüssigem Displayschutz nur 0,60$!

Natürlich handelt es sich hierbei nicht um ProtecPax?! Oder etwa doch? Schaut euch mal die Verpackung beim Großhändler an und schaut Euch die Verpackung die hier Gallileo bei einem vorab Test hat an https://www.youtube.com/watch?v=h48ndnYqsgE#t=0m20s (Merkwürdiges Video, beim eigentlichen Test konnte ProtecPax weder vor dem Rasiermesser noch beim Sturz Schützen, im Fazit wird dies aber so dargestellt)  bei der Anleitung welche kurz in die Kamera gehalten wird sieht man auch den ProtecPax Aufdruck.

Natürlich handelt es sich hier um einen Prototypen und möglicherweise um eine andere Rezeptur als bei der aktuellen Version, allerdings dennoch interessant. Ich habe also keinerlei Beweise oder Informationen das es sich hier um das gleiche Produkt in anderer Verpackung handelt oder Ähnliches. Aber anscheinend wurde zumindest einmal mit dieser zugekauften Version experimentiert.

Vielen Dank an einen Leser meines Blogs welcher mich darauf hingewiesen hat.

 

Fazit

ProtectPax ist ein Produkt das zu schön klingt um wahr zu sein. Ein Flüssigkeit welche das Smartphone Display plötzlich x mal härter macht.

Das Problem ist, viele Nutzer unterschätzen wie hart ein Smartphone Display von Natur aus ist! Ein Messer verursacht bei einem aktuellen Smartphone keine Schäden. Klar wenn Ihr ein iPad der ersten Generation rauskramt wie Chip.de es bei seinem Test von ProtectPax gemacht hat, kann das Produkt durchaus eine Wirkung zeigen. Aber aktuelle Smartphones welche mit Gorilla Glas ausgestattet sind (was der Standard für die Smartphone der letzten 4 Jahre ist), sind von Natur aus widerstandsfähig genug. Hier beispielsweise ein Interessantes Video dazu oder hier.

Das heißt, selbst wenn ProtectPax gegen Kratzer durch Messer, Scheeren usw. helfen würde, bringt dies praktisch nichts da moderne Smartphone Displays eh eine sehr hohe, wenn nicht sogar perfekte Resistenz gegen diese Dinge mitbringen.

Steine, Sand und ähnliche Materialien zerkratzen das Display mit oder ohne ProtectPax und Messer und Metalle machen es mit oder ohne ProtectPax in der Regel nicht. Der Vorteil an einem normalen Displayschutz ist das man ihn entfernen kann, wenn er zerkratzt ist.

Vielleicht würde ich allerdings eine vorsichtige „besser als nichts“ Empfehlung aussprechen. Zwar denke ich, dass die Schutzwirkung von ProtectPax auf einem halbwegs modernen Smartphone sehr gering ist, aber sehr gering ist im Zweifel immer noch besser, als wenn Ihr keinen Displayschutz verwenden würdet (siehe der Stein Test wo ProtectPax etwas geholfen hat) .

Denkt allerdings so, wenn ProtectPax wirklich ein absolutes Wundermittel wäre, wären diese dann nicht von Apple, Samsung, LG oder irgendeinem Zulieferer gekauft worden für deutlich mehr als 150.000€ oder würde man nicht von Haus aus das Displays mit solch einer Flüssigkeit behandeln? Ja aber das ist nicht der Fall!

Daher haltet Eure Erwartungshaltung dementsprechend. 100% Bruch und Kratzsicher, was ich für ein extrem mutiges versprechen halte, kann ProtecPax natürlich nicht machen, das sollte jedem der gesunde Menschenverstand sagen.


PS. Schaut Euch auch einmal die Amazon Bewertungen von ProtecPax an, davon gibt es mittlerweile einige. Ich bin zwar nicht immer ein Fan davon, aber in der Masse können solche Bewertungen durchaus einen guten Eindruck vermitteln.

Nachtrag vom 14.10: Nachdem Aldi und co. ProtectPax aus den Regalen genommen hat, hat der Hersteller seine Webseite geändert. Auf http://protect-pax.de/protectpax-displaybeschichtung-fluessig findet sich mittlerweile keinerlei Funktions versprechen mehr! ProtectPax wird nicht mal mehr als Displayschutz beworben sondern als “Displaybeschichtung”, ohne anscheinend jegliche Funktion, außer das die “Touchfunktion wird nicht beeinträchtigt”. 

“Die Displaybeschichtung von ProtectPax ist in wenigen Schritten einfach aufzutragen. Ein weiterer Vorteil von ProtectPax: Die Touchfunktion von Displays wird nicht negativ beeinflusst. Durch die Displaybeschichtung werden insbesondere alle Berührungen auf das Display übertragen, sodass es nicht zu einer Beeinträchtigung der Touchsteuerung kommt. Details:”

Michael Barton

Vielen Dank fürs Lesen! Sollte mein Bericht euch geholfen haben würde ich mich über einen erneuten Besuch meiner Webseite und/oder dem Folgen meines Twitter freuen! Vielen Dank!

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3 Comments
Oliver2

Ganz meine Erfahrung… die Folien, Protektorgimmiks und eben auch dieses Zeug hier sind lange überflüssig, wenn man sein Gerät mit einiger Vorsicht behandelt. Also fern vom Sand, nicht unbedingt in der Hosentasche in der auch Kleingeld und Schlüssel herumgetragen werden und am besten noch in einen einigermaßen tauglichen Bumper.

Der Bumper bringt noch den Vorteil mit, dass die in den Handyforen permanent angehypte Gehäusehaptik vollkommen unwichtig wird. Da ein Smartphone nun mal wie ein Smartphone aussieht, sind geschmackliche Aspekte zum Gehäusedesign und speziell zur Rückseite, imho absolut nebensächlich. Man mag noch zwischen rosa, gold und schwarz entscheiden, doch auch das egalisiert sich in der Hülle oder im Bumper weitestgehend und vor allem umgehend.

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Spatz

Interessantes Produkt! Was mich noch interessieren würde: Kann man auf dem Display vorhandene Kratzer (mit Beschichtung oder ohne) eventuell durch einen weiteren Auftrag von ProtectPax wieder raus polieren?

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Thomas Külpmann

Daran, dass der Autor Begriffe wie (Schlag) “Energie” verwendet, hebt er sich deutlich vom Gros der normalen Schreiber ab. Er stellt im Prinzip von vornherein klar, warum das Zeug nicht so wie gesagt wirken kann.

Das kann aber nur jemand verstehen, der in Physik etwas aufgepasst hat und der sich dann auch nicht wundert, wenn sich die Versprechungen zum Grossteil in Luft auflösen.

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